Vom Roten Waisenhaus zur Stiftung Alten Eichen von 1596

„Sodann nach Inhalt dieses Testaments vermache er: drey goldene Ketten, von welche eine größer und kostbarer ist; ferner acht lange und sechs runde Säcke mit verschiedenen Goldmünzen fast angefüllt; sowie überhaupt alles Vermögen welches er nachlassen werde, wenn er unverheyratet und ohne Kinder sterben sollte, den Armen und vorzüglich des Waisen dieser Stadt, und ernenne und setze diese Armen und Waisen zu Erben aller seiner Güter ein.“

(aus dem Testament des italienischen Edelmannes Tarquinius Molignanus im Jahr 1596)

Testament - Stiftung Alten Eichen Bremen

Das Erbe des italienischen Edelmannes

15.100 Bremer Mark und 32 Grote – diese Summe, sein gesamter Nachlass, vermachte der italienische Edelmann Tarquinius Molignanus im Jahr 1596 den Waisenkindern der Stadt Bremen, sollte er ohne Frau und Kinder sterben. Er, der aus religiösen Gründen aus seiner Heimat Neapel vertrieben worden war, hatte nach langer Wanderschaft in der Hansestadt Zuflucht gefunden. Zwei Jahre nach dem Verfassen seines Testaments verstarb Molignanus. Der Rat der Stadt bemühte sich sogleich um eine Unterkunft für Waisenkinder: die Nicolaikirche am Brill. Schon zu Weihnachten 1599 konnten die ersten Kinder in das, nunmehr als Rotes Waisenhaus bekannte Gebäude einziehen. Der Name rührte von der Kleidung her, die die Kinder damals trugen. Diese erste Sozialeinrichtung für Kinder und Jugendliche ist heute unter dem Namen Alten Eichen bekannt.

Das neue und größere Domizil in der Hutfilterstraße

Das neue und größere Domizil in der Hutfilterstraße

Aussicht auf ein besseres Leben

Ursprünglich gedacht war das Rote Waisenhaus für Kinder, die – bedingt durch Kriege, Seuchen und Hungersnöte – beide Elternteile verloren hatten. Eine eheliche Geburtsurkunde musste vorliegen, die Kinder zwischen acht und zwölf Jahren alt sein sowie einer reformierten Konfession angehören.

Im Laufe der Jahre wurden diese Richtlinien gelockert, auch Halbwaisen und Kinder von Eltern gemischter Konfessionen konnten einen Platz erhalten.

Aufgrund der wachsenden Kinderzahlen siedelte die Einrichtung bereits 1602 in ein größeres Gebäude in der Hutfilterstraße um. Im Jahr 1695 lebten 118 Kinder im Roten Waisenhaus. Die stetig steigende Zahl der Bedürftigen führte zur Gründung zwei weiterer Einrichtungen: 1684 das Blaue Waisenhaus sowie 1692 eines für Lutheraner, aus dem die heutigen Stiftung St. Petri Waisenhaus hervorging. Für die meisten der Kinder bedeutete die Aufnahme die Rettung vor dem sicheren Tod. Ihnen bot sich die Möglichkeit, einen neuen Weg einzuschlagen und sich ein besseres Leben aufzubauen. Dennoch war die Zeit im Heim nicht nur rosig. Prügelstrafen sowie Essens- und Schlafentzug, sprich eine autoritäre und auf Gehorsam ausgerichtete Erziehung, waren an der Tagesordnung.

Zusammenlegung der Waisenhäuser und Umzug nach Bremen-Horn

Die drei Waisenhäuser wurden im Zuge der Einnahme der Stadt Bremen durch die Franzosen 1811 zu einem gemeinsamen Waisenhaus zusammengeschlossen. Nach Rückerlangung der Selbstständigkeit 1813 bemühte sich der Rat der Stadt, die Zusammenlegung rückgängig zu machen. Eine Diskussion darüber entbrannte, ob die Trennung wie früher nach Konfessionen oder nach Geschlechtern erfolgen sollte.

Das Rote und das Blaue Waisenhaus erhielten 1817 die gemeinsame Bezeichnung „Reformiertes Waisenhaus“, das lutherische St. Petri Waisenhaus blieb eigenständig erhalten. Eine Geschlechtertrennung erfolgte erst im Jahr 1877: Aus dem Reformierten Waisenhaus entstand eine Einrichtung nur für Mädchen. 1904 erfolgte der Umzug nach Bremen-Horn. Der neu gewählte und auch heute noch beständige Name „Alten Eichen“ leitet sich von den vielen Eichbäumen ab, die das Gelände an der Horner Heerstraße säumen.

Bremen-Horn (heute Grundschule)

Bremen-Horn (heute Grundschule)

Villa Horn Rückseite - Stiftung Alten Eichen Bremen

Villa Horn Rückseite

Innenhofansicht - Stiftung Alten Eichen Bremen

Innenhofansicht

Das Kinderheim in den Zeiten des Nationalsozialismus

Nach dem 1. Weltkrieg 1918 änderten sich die Aufnahmebedingungen. Grund dafür war unter anderem die Gründung des Jugendamtes in Deutschland. So wurden nicht mehr nur Waisen, sondern auch Kinder aus zerrütteten Familien aufgenommen. Das St. Petri Waisenhaus war bald überfüllt, sodass auch wieder Jungen nach Bremen-Horn kamen. Es gibt wenig Berichte darüber, wie es um Alten Eichen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) bestellt war. Vermutlich waren aber die Mädchen von der nationalsozialistischen Selektion betroffen. Wer nicht „erbgesund“, „nicht rassistisch einwandfrei“ und nicht leicht erziehbar war, musste die Einrichtung verlassen. Belegt ist hingegen die Zwangssterilisation bei drei Mädchen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren. Ab 1944 sank die Zahl der im Waisenhaus lebenden Kinder, da viele von ihnen in kriegssichere Gebiete geschickt wurden. Nach Kriegsende brachen harte Zeiten an: Lebensmittel, Gas und Wasser wurden knapp. Das Haus war voll mit Kriegswaisen und Flüchtlingskindern.

Mädchengruppe

Mädchengruppe

Auf dem Weg zu einer modernen Jugendeinrichtung

Ab dem Jahr 1951 fanden viele sogenannte Schaustellerkinder sowie Schifferkinder – Kinder, deren Eltern auf den Flüssen Deutschlands unterwegs waren – eine neue Heimat in Alten Eichen.

In den 1980-er Jahren machte der große Schlafsaal Platz für moderne Einer- oder Zweierzimmer, der gemeinsame Essenssaal wurde abgeschafft. Auch entstand die erste externe Jugendwohngemeinschaft. Während dieser Zeit wandelte sich auch die Problemlage der Kinder. Verwahrlosung, körperliche und seelische Gewalt im Elternhaus, sexueller Missbrauch sind nunmehr die Gründe für eine Unterbringung in der Jugendhilfeeinrichtung. Waisenkinder gibt es nur noch sporadisch.

Schaustellerkinder: Schaustellerkinder an ihrem Einschulungstag, um 1970

Schaustellerkinder: Schaustellerkinder an ihrem Einschulungstag, um 1970

Zweierzimmer: Zweierzimmer lösen den großen Schlafsaal ab.

Zweierzimmer: Zweierzimmer lösen den großen Schlafsaal ab.

Auch wenn der Hauptsitz in Bremen-Horn ist – mittlerweile ist Alten Eichen in vielen Bremer Stadtteilen tätig. Seit Beginn der 1990er-Jahre gibt es Wohngruppen in Huchting, Neustadt, Schwachhausen und Borgfeld. Dort leben die Kinder und Jugendlichen, besuchen die örtlichen Schulen und Vereine. So wird ihnen ein Stück weit Normalität geboten.

Hinzu kamen heilpädagogische Wohn- und Tagesgruppen, vielfältige Beratungsangebote, therapeutische Wohngruppen sowie ambulante Hilfsangebote. Alten Eichen organisiert und unterstützt zudem diverse Programme wie die Betreuung von Jungengruppen, Fußball- und Boxprojekte, Beratungsangebote für Familien sowie ein Jugendhaus in Horn. Im Laufe von vier Jahrhunderten hat sich das ehemalige Waisenhaus zu einer anerkannten und modernen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung mit einer vielfältigen Angebotspalette entwickelt.

1993 wurde es Zeit für einen neuen Namen: Die Stiftung Alten Eichen von 1596 war geboren. Zusammen mit der Stiftung St. Petri Waisenhaus entstand 2011 die gemeinsame Gesellschaft Diakonische Jugendhilfe Bremen gemeinnützige GmbH.

Bis heute ist die Einrichtung an der Leher Heerstraße ansässig.

Bis heute ist die Einrichtung an der Leher Heerstraße ansässig.

Kälberverlosung - Stiftung Alten Eichen Bremen

Kälberverlosung – Stiftung Alten Eichen Bremen

Finanzierung und Kälberverlosung

Seit Beginn ist das Rote Waisenhaus/Alten Eichen durch private Wohltätigkeit finanziert worden. So war es seit jeher üblich und rührt von der allgemeinen Spendenfreudigkeit im Mittelalter. Die Bremer Bürger schätzten die Einrichtung und waren gern bereit, sie zu unterstützen. Als die Schenkungen zur Finanzierung der Einrichtung nicht mehr ausreichten, nahmen Straßensammlungen und sogenannte Beckensammlungen in den Kirchen immer mehr zu. Seit 1738 gibt es jährlich eine Fleischverlosung – die Kälberverlosung. Zwei, später vier geschmückte Ochsen wurden durch die Stadt getrieben, anschließend geschlachtet, zerlegt und als Festtagsbraten verpackt an die Losgewinner verteilt.

Die Stiftung Alten Eichen hat diese Tradition bewahrt. Seit 1948 werden die Kälber aber nicht mehr durch die Stadt getrieben. Der Erlös der Kälberverlosung wird ausschließlich zum Kauf von Weihnachtsgeschenken für die Kinder und Jugendlichen verwendet.